Im Schatten des Hakenkreuzes
Bothel – Still ist es im Raum, als Frank Schwieger zu lesen beginnt. Vor ihm sitzen Schülerinnen und Schüler des neunten Jahrgangs der Wiedau-Schule in Bothel. Schwieger schlägt die Seiten seines Buches auf – und vor den Augen der Jugendlichen erwacht ein elfjähriger Junge: Willi Ohlsen.
Wenn man versteht, was ein totalitäres Regime mit Menschen macht, erkennt man auch, warum Demokratie und Freiheit so wichtig sind.
Autor Frank Schwieger nimmt die Schülerinnen und Schüler des neunten Jahrgangs der Wiedau-Schule in Bothel mit in die Welt eines elfjährigen Jungen im Jahr 1936. © Ina Hagemann
Willi ist stolz. An diesem besonderen Tag trägt er sein neues Uniformhemd, das seine Mutter sorgfältig gewaschen und gebügelt hat. Immerhin sollen alle sehen, dass er die Pimpfenprobe bestanden hat – eine Prüfung, die Jungen seines Alters durchlaufen müssen, um offiziell zum Jungvolk zu gehören. Der Kindergruppe der Hitlerjugend. Laufen, Springen, Werfen, den Lebenslauf Adolf Hitlers – alles hat Willi vorher geübt. Und nun hält er das Fahrtenmesser in der Hand, das ihm als Zeichen seines Bestehens überreicht wurde.
Und während Willi diesen besonderen Moment seines Lebens erlebt, wird den Schülerinnen und Schülern, die zuhören, schnell klar: Nichts an diesem Sommer 1936 ist normal. Hinter den Prüfungen, Liedern und Uniformen verbirgt sich ein System, das Kinder früh an Ideologie, Gehorsam und Gruppenzwang bindet. Eine eindrückliche Szene beschreibt ein Spiel, bei dem Willi und die anderen Jungen mit Tüchern als Abzeichen gegeneinander antreten. „Ziel des Spiels war es, so viele Tücher wie möglich von der anderen Mannschaft zu erbeuten. Wer sein Tuch verlor, der schlich zurück auf den Zeltplatz“, liest Schwieger vor. „Man war also gleichzeitig Jäger und Gejagter, Angreifer und Verteidiger. Fast so wie im Krieg.“
Mit seiner Lesung aus dem Buch „Kinder unterm Hakenkreuz“ nimmt Schwieger die Jugendlichen mit in die Lebenswelt von Kindern während der Zeit des Nationalsozialismus. Die Geschichten schildern Ausschnitte ihrer Lebens- und Gefühlswelt – mit allen Hoffnungen, Ängsten und ihrer eigenen Sicht auf das politische Geschehen um sie herum.
„Kinder konnten nichts für die politischen Entscheidungen der Erwachsenen“, sagt Schwieger während seines Besuchs in Bothel. „Aber sie mussten mit den Folgen leben.“ Statt große historische Ereignisse zu schildern, erzählt er die Geschichte der NS-Zeit aus dem Alltag der Jungen und Mädchen. Dafür nutzt er authentische Berichte von Zeitzeugen, um die Erlebnisse seiner Protagonisten nachzuerzählen.
„Viele Kinder und Jugendliche interessieren sich bereits früh für diese Zeit“, so der Autor. „Aber in der Schule wird das Thema oft erst spät unterrichtet. Und wer vorher Inhalte auf Plattformen wie TikTok oder Instagram sieht, kann leicht ein verzerrtes Bild bekommen.“ Eine kindgerechte Aufklärungsarbeit sei daher wichtig. Für diese Aufgabe bringt der Autor beste Voraussetzungen mit: Schwieger arbeitet als Lehrer für Geschichte und Latein an einem Gymnasium in Schleswig-Holstein und hat bereits zahlreiche Sach- und Geschichtsbücher für Kinder und Jugendliche veröffentlicht.
Mit seiner Erfahrung als Lehrer gelingt es ihm, das Thema sensibel, aber ungeschönt zu vermitteln – und es gleichzeitig für junge Leser greifbar zu machen. Dabei erzählt Schwieger seine Geschichten faktenbasiert und mit Fingerspitzengefühl. Das Schicksal Esther Bejaranos, die als Kind das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau überlebte, inspirierte ihn zu einem Kapitel in „Kinder unterm Hakenkreuz“. Schwieger erzählt: „Die Gaskammern, in denen Menschen ermordet wurden, erwähne ich auch in meinem Buch. Aber ich habe es nicht detailliert beschrieben. Denn die Frage ist in erster Linie, wie Kinder solche Informationen verarbeiten.“
Die Lesung an der Wiedau-Schule wird so nicht nur zu einem Rückblick in die Geschichte, sondern auch zu einem Appell an die Gegenwart. Die Schülerinnen und Schüler erleben, wie Ausgrenzung, Zwang und Manipulation im Alltag funktionieren konnten – und lernen gleichzeitig, die Mechanismen zu erkennen, die auch heute wieder auftauchen können. Für die Schule in Bothel ist die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ein zentraler Bestandteil der politischen Bildung. Schwieger ergänzt: „Wenn man versteht, was ein totalitäres Regime mit Menschen macht, erkennt man auch, warum Demokratie und Freiheit so wichtig sind.“
Seine Lesereisen führen ihn regelmäßig an Schulen in ganz Deutschland. Rund 30 Mal im Jahr spricht er mit Schülerinnen und Schülern so über Geschichte, Literatur und seine Arbeit als Autor. Der Besuch in Bothel zeigt, wie persönliche Einblicke Geschichte lebendig werden lassen: Die Jugendlichen können nachvollziehen, wie Kinder zur Zeit des Nationalsozialismus lebten, und begreifen, warum Erinnerung wichtig bleibt – und warum es wichtig ist, sich auch heute mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.INA HAGEMANN
Quellenangabe: Rotenburger Kreiszeitung/Visselhöveder Nachrichten vom 18.03.2026, Seite 19